Als ich vergangenes Jahr auf der
Suche nach einer neuen Lektüre den
nächstgelegenen Büchertauschschrank
unsicher machte, war unter meinen
Errungenschaften ein Roman, der mir
schon von mehreren Freund_innen als
Lieblingsbuch empfohlen wurde: The
Picture of Dorian Gray von Oscar Wilde. Und tatsächlich zog mich das Buch
direkt in seinen Bann. Die Leichtigkeit
der Sprache, der einzigartige, zuweilen zynische Humor und nicht zuletzt
diese mystische Erzählung eines
Jünglings, der sich in seiner jugendhaften Schönheit verliert, verleihen
dem Prosawerk einen in der Literatur
des 19ten Jahrhunderts einzigartigen
Charme.
Ein exzentrischer Dandy.
Man merkt diesem Buch – abgesehen
vom Setting – kaum an, dass es vor
knapp 120 Jahren in der viktorianischen Ära erschien; also zur wohl prüdesten Epoche der Weltgeschichte. The
Picture of Dorian Gray ist das Portrait
eines Dandys, der kein Geheimnis aus
seiner Lust an sexuellen Ausschweifungen macht und durchaus autobiographische Parallelen zum Autor
aufweist. Es ist wenig verwunderlich,
dass es einen Skandal in der Londoner
Oberschicht auslöste, in deren Kreisen
Oscar Wilde verkehrte. Homosexualität selbst wird zwar nur angedeutet,
aber die Zeitgenoss_innen sahen in
dem Werk den Beweis für Oscar Wildes sexuelle Neigungen, die mit den
viktorianischen Moralvorstellungen
unvereinbar waren.
Oscar Wilde war aber nicht nur wegen
seines Prosawerkes Opfer zahlreicher Hetzkampagnen, sondern sein
ganzes Auftreten gab den Kritiker_innen Anlass, sich an der auffallenden
Persönlichkeit abzuarbeiten. Lange
Kniehosen, Seidenstrümpfe, seine
Vorliebe für Schönes, nicht zuletzt
seine Wortgewandtheit und sein entwaffnender Humor prägten das Bild
des Homosexuellen in der britischen
Gesellschaft nachhaltig. Männer mit
ähnlichen Begehren wurden noch
lange Zeit nach Wildes Verurteilung
als „Oscar“ verpönt.
Ob Oscar Wilde tatsächlich homosexuell war, ist bis heute umstritten. So
gingen aus seiner Ehe mit Constance
Lloyd zwei Söhne hervor; zudem sind
zahlreiche Sympathien zu Frauen
bekannt, die eine bisexuelle Orientierung des Poeten vermuten lassen.
Seine Verhältnisse zu Männern beruhten zudem auf einer ephebophilen
Neigung, da seine Liebhaber meist
wesentlich jünger waren. Insbesondere die Verhältnisse zu den deutlich
jüngeren Männern Robert Ross und
Lord Arthur Douglas sind gut dokumentiert.
Der tiefe Fall des Genies.
Letztere Beziehung führte zum Eklat,
als der Vater von Lord Arthur Douglas
Oscar Wilde öffentlich der Sodomie
beschuldigte. Dieser Auseinandersetzung folgten drei Gerichtsverhandlungen, die zur Diskreditierung des einst
so gefeierten Literaten führten. Auch
der Roman The Picture of Dorian Gray
wurde als Beweisobjekt für Wildes homosexuelle Unzucht (gross indecency)
herangezogen. Schlussendlich waren
es die Aussagen zahlreicher männlicher Sexarbeiter, die ihn belasteten
und ihm zwei Jahre Haft in Kombination mit schwerer Arbeit im Zuchthaus
einbrachten.
Der einst so schimmernde, lebensfrohe
und bei Zeiten arrogante Poet zerbrach an den Haftbedingungen. Nach
seiner Freilassung kehrte er England
den Rücken und verbrachte drei weitere von Trauer gekennzeichnete Jahre,
ehe er im Alter von 46 Jahren starb.
Die Rehabilitation der Person Oscar
Wilde dauerte lange. Ihm wurde erst
2017 im Zuge des Alan Turing Law in
Großbritannien mit knapp 49.000 weiteren homosexuellen Männern durch
ein „Pardon“ vergeben. 117 Jahre nach
seinem Tod!
Rechte Homosexueller
weltweit. In Österreich wurde erst
im Jahr 1971 wurde die strafrechtliche Verfolgung von Homosexuellen
eingestellt. Seit 2010 ist die eingetragene Lebenspartnerschaft bei gleichgeschlechtlichen Paaren in Österreich
anerkannt und seit 2019 ist auch die
Zivileheschließung hier möglich.
Dennoch sind gleichgeschlechtliche
Ehen immer noch nicht gänzlich
gleichberechtigt. Auch in Bezug auf
die gesellschaftliche Akzeptanz gegenüber Homosexuellen, Bisexuellen und
Queers ist die Gesellschaft noch nicht
vollends aufgeschlossen. Dies zeigt
sich vor allem im Vergleich von Stadt
und Land sowie jung und alt.
Weltweit sieht die Lage Homosexueller
weiterhin Besorgnis erregend aus. Der
von der International Lesbian, Gay,
Bisexual, Trans and Intersex Association (ILGA) herausgegebene Report on
State-Sponsored Homophobia (2019)
gibt an, dass 68 Staaten Homosexualität kriminalisieren (35 Prozent aller
UN-Staaten), wobei in fünf Ländern
(Mauretanien, Vereinigte Arabische
Emirate, Katar, Pakistan und Afghanistan) sogar noch die Todesstrafe
verhängt wird. Aber der Report macht
auch Hoffnung, da weltweit eine Entkriminalisierung von Homosexualität
zu beobachten ist. Vor allem in OstAsien bessert sich die Situation. Letztes
Jahr führte etwa Taiwan als erstes
asiatisches Land die Ehe für alle ein.
Man möchte sich überhaupt nicht
vorstellen, wie viele Genies wie Oscar
Wilde daran zerbrochen sind, nicht
ausleben zu können, wer sie eigentlich
sind. Kaum auszumalen bleibt, wie viel
Kunst und Fröhlichkeit der Menschheit verloren geht, weil es Menschen
verboten ist, die Menschen zu lieben,
die sie wollen.