Positiv Studieren

„Ich verstehe gar nicht, wie
du bis jetzt in dem Zustand
studieren konntest“.
Dieser
Satz vom Arzt beschäftigte Michael*,
als er die Ordination verließ. Plötzlich machte alles Sinn – Michael war
Student und im vierzehnten Semester.
Lange Zeit hatte er gedacht, dass er
schlichtwegs die geistige Kapazität
für ein Studium nicht besäße. Seine
Kommiliton_innen, mit denen er angefangen hatte zu studieren, waren mit
ihrem Studium längst fertig. Michael
litt unter Konzentrationsschwäche und
Müdigkeit. Üblicherweise konnte er
Vorlesungen nicht folgen und sich nicht
auf Prüfungen vorbereiten.

Doch dann war klar warum – er erhielt
die Diagnose HIV-positiv. Dabei war
der 27-Jährige am Anfang seines Studiums sehr erfolgreich. Jede Prüfung
bestand er mit ausgezeichneten Noten.
Später verschlechterten sich seine
Leistungen und er fiel öfters durch.
Irgendwann traute er sich nicht, mehr
als drei Vorlesungen pro Semester zu
belegen, normal sind bei seinem Curriculum sechs.
Michael hat sich mit dem Virus im Laufe
seiner Studienzeit vermutlich durch
ungeschützten Geschlechtsverkehr
angesteckt. Er meint selbst, „Ich war
dumm, ich hatte Sex ohne Kondom“.
Sex war für ihn ein Tabuthema, da
Michael homosexuell und nicht geoutet
ist. Weder mit seiner Familie noch mit
Freund_innen konnte er über seine
Sexualität reden. Dieses Schweigen
führte dazu, dass er sich einsam fühlte
und Zuneigung bei anonymen OneNight-Stands fand. Im Nachhinein ist
ihm klar: „ich hatte Angst davor, nicht
akzeptiert zu werden und entwickelte
Minderwertigkeitskomplexe“.

Obwohl er selbst spürte, dass irgendetwas mit ihm nicht stimmte, wollte er
sich nicht auf Geschlechtskrankheiten
testen lassen. „Aus Scham ging ich
nicht zum Arzt“. Schließlich erfuhr der
Student durch einen Bluttest seinen
Status. „Es war furchtbar, die Ärztin
sagte mir, dass ich HIV-positiv bin,
verwies mich an einen Facharzt und
gab mir nur paar Broschüren mit. Mit
dem Schmerz, der auf diese Nachricht
folgte, musste ich alleine klarkommen.
Ich hätte mir psychologische Unterstützung gewünscht“.
Kurz darauf fing er mit der Behandlung
an. Jeden Morgen und jeden Abend
musste er eine Pille nehmen, die den
Ausbruch von AIDS bekämpfen soll.
Doch die Pillen hatten starke Nebenwirkungen, jeden Morgen musste er
sich übergeben und bekam Wunden im
Mund. Also erhielt er andere Tabletten,
deren Nebenwirkungen nicht so heftig
waren. Tatsächlich musste er in der Anfangsphase seiner Behandlung alle zwei
Wochen zur medizinischen Kontrolle.
Später wurden diese Kontrolltermine
weniger.

Mittlerweile ist HIV kein
Todesurteil mehr,
Medikamente
hemmen die Ausbreitung der Viren im
Körper. Mit der richtigen Behandlung
kann das Virus so weit unterdrückt
werden, dass gängige Testmethoden
den HI-Virus im Blut nicht nachweisen.
Allerdings kann der Erreger nicht ganz
eliminiert werden. Einige der Viren
verstecken sich im Knochenmark, in
Immunzellen oder im Gehirn. Damit
Michael unter dieser Nachweisgrenze bleibt, muss er die zum heutigen
Stand der HIV-Forschung verfügbaren
Medikamente ständig zu sich nehmen.
„Ich nehme die Medikamente natürlich
jeden Tag ein, denn so kann AIDS nicht
ausbrechen und ich kann andere nicht
anstecken“. Solange er die Behandlung
fortführt, besteht für seine Mitmenschen keine Ansteckungsgefahr. Der
gemeinnützige Verein AIDS Hilfe Wien
verdeutlicht: „Im Alltag kann HIV nicht
übertragen werden. Eine wirksame Therapie unterdrückt HIV im Körper (bis
unter die Nachweisgrenze). So können
HIV-positive Menschen das Virus – auch
beim Sex – nicht weitergeben.“

Nichtsdestotrotz sind Menschen mit
dem HIV-Erreger stark stigmatisiert. Als
Michael irgendwann den Mut hatte, sich
seinen besten Freund_innen gegenüber
zu öffnen, fielen die Reaktionen sehr
unterschiedlich aus. Hauptsächlich
erfuhr er Mitgefühl und Unterstützung,
doch eine Freundin distanzierte sich tatsächlich und wurde vorwurfsvoll. „Sie
fragte mich, wie ich nur so dumm sein
konnte und behauptete sogar, dass ich
nicht begraben werden kann, sondern
verbrannt werden muss“.
Die Gemütslage von Betroffenen ist
häufig sehr schlecht, sie verfallen oft
in Depressionen und können suizidgefährdet werden. Die Tatsache, dass das
Thema HIV üblicherweise totgeschwiegen wird, führt zu einer verstärkten
Trauer. Michael haben die stundenlangen Gespräche mit Freund_innen und
Expert_innen sehr viel geholfen. „Durch
die Unterhaltungen mit meinem Therapeuten oder mit Freund_innen konnte
ich meine Situation verarbeiten“.

Michael hat auch schon die psychologische Studierendenberatung der Universität Wien in Anspruch genommen.
Allerdings kannten sich die Berater_innen mit dem Thema überhaupt nicht
aus und konnten ihm keine konkrete
Hilfeleistung bieten. Der Student hätte
sich von der Universität mehr Unterstützung gewünscht.
Um Jugendliche auf die Risiken von
ungeschütztem Geschlechtsverkehr
vorzubereiten, bietet die AIDS Hilfe
Jugendpräventionsarbeit an, bei der sie
Jugendliche über Ansteckungsgefahren
informiert. Frenky Varga von der AIDS
Hilfe Stuttgart beteuert die Wirkung bei
Jugendlichen: „Man merkt, dass viele
sich der Risiken von ungeschütztem
Geschlechtsverkehr nicht bewusst sind,
weil beispielsweise im Elternhaus nicht
darüber geredet wurde“.
Ganz wichtig ist es, das gesellschaftliche
Stigma gegen HIV-positive Menschen
aufzubrechen, und Personen mit HIV
nicht auszugrenzen. Für ein größeres
Verständnis sind Debatten und Diskurse
vonnöten, die HIV-Belange behandeln.
Veranstaltungen an der Universität, die
die Thematik aufgreifen, können für ein
geschärftes Bewusstsein sorgen.


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