
Unterdrückung ist nicht binär. Was ich damit meine? Der Kampf gegen das Patriarchat wird von vielen als ein Kampf der Unterdrückten (Frauen) gegen die Unterdrücker (Männer) gesehen und auch so behandelt. Das reduziert komplexe Machtverhältnisse auf das Geschlecht. Machtverhältnisse verteilen sich jedoch über ein polyphones Netz aus Geschlecht, Klasse, race, Sexualität, Behinderung, Religion, Alter, etc. (Wäre der Begriff „Kyriarchat vielleicht passender?). Aber auch wer selbst benachteiligt ist, kann andere benachteiligen – Intersektionalität eben. Ich höre Feminist*innen oft sagen, ihr Feminismus sei intersektional. Aber ist er das? Der Begriff der Intersektionalität verschleiert aber auch oft eine Hierarchie innerhalb des Feminismus: Ein eigentlich weißer, cisfeministischer Ansatz erklärt sich einfach für „intersektional“ – und behauptet so, alle mitzumeinen, ohne ihre spezifischen Erfahrungen wirklich einzubeziehen. In der Praxis wird alles vermischt und auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner reduziert, etwa zur Figur des „alten weißen Mannes“. Diese Vereinfachung lässt viele ungehört und ungesehen zurück.
Während ich mir Gedanken dazu mache, worüber ich in diesem Text schreiben möchte, setzt sich ungefragt eine Person zu mir: sie sagt mir, sie sei lesbisch und „interessiert“ an trans Frauen. Intimität sei aber schwer, weil sie ihre Probleme mit Männern auf Körper von trans Frauen projiziert. Erwartung: ich solle ihre transfeindlichen Gedanken legitimieren. Nein, das kann und will ich nicht. Diese Interaktion hat mir aber Input für die folgenden Zeilen gegeben.
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Ein bekanntes TER(F)-Argument lautet:
„Trans Frauen sind keine Frauen, denn sie haben einen Penis und XY-Chromosomen.“ Oft begegnet mir diese Haltung auch versteckt in meinem Alltag. In der Boulderhalle wird mir der Zutritt zu beiden Umkleiden verwehrt – stattdessen soll ich mich im barrierefreien WC umziehen. Im Frauenfitnessstudio wird mir der Zugang verweigert, mit der Begründung: „Wir müssen erst prüfen, ob du deine Transition ernst nimmst“ – was in der Praxis bedeutet: ohne Bottom-OP kein Zutritt. Ein anderes Mal durfte ich mich nicht zu einem Poledancekurs anmelden, da ich angeblich „keine richtige Frau“ sei und die anderen Frauen sich unwohl fühlen würden. Solche Situationen erlebe ich dutzendfach.
Diese Argumente sind genderessentialistisch, indem sie aus der sozialen Kategorie „Frau“ automatisch biologische Merkmale ableiten (XX-Chromosomen, Vulva, Gebärmutter). Dabei ignorieren sie, dass nicht alle cis Frauen diese Merkmale haben. Trans Frauen wird so ihr Frau sein abgesprochen. Gleichzeitig wird ihnen über die Zuschreibung „Penis = Mann“ Macht, Gewalt und männliche Gewaltgeschichte aufgeladen. Dadurch werden sie diffamiert – etwa als „Männer, die Frauenräume bedrohen“ oder als perverse Abweichungen. Wenn dann beispielweise in lesbischen Räumen von einer „Genitalpräferenz“ die Rede ist (denn auch diesen Kommentar hab ich bereits bekommen), dann stecken oft Gewalterfahrungen mit cis Männern dahinter – das ist schrecklich. Patriarchale Gewalt entspringt aber keinem Organ, sondern einem Machtverhältnis der Männer über Frauen. Sie an Penisse zu knüpfen und das auf trans Femmes zu projizieren ist schlichtweg transmisogyn.
Hinter diesen Ansichten steckt eine sogenannte „Cisnormativität“. Sie bezeichnet eine Machtstruktur, in der Cis-Geschlechtlichkeit und ein binäres Geschlechtersystem als natürlich – als Default-Modus – gesetzt wird. Diese Annahme macht nicht binäre und trans Erfahrungen unsichtbar und diffamiert sie als falsch, unnatürlich oder abnormal. Sie haben keine Daseinsberechtigung. Das bedeutet aber auch, dass sich trans Personen immer gegenüber cis Personen erklären müssen – sich die Daseinsberechtigung erkämpfen müssen.
Nur gelabere…
Dieselben Feministinnen, die stolz Achsel- und Beinhaare wachsen lassen, raten mir gleichzeitig meine Behaarung zu entfernen – „…vor allem der Bart, der lässt dich nicht weiblich aussehen. Das würde deinem passing helfen.“ Passing – Dieser Begriff hängt mir schon zum Hals raus. Es heißt: Reinpassen ins cisnormative Raster. Als Ideal verkauft, dabei nichts Anderes als ein Versteck. Ein Werkzeug, um Gewalt und Diskriminierung zu vermeiden. Dieselben Feministinnen die stolz einen Vulva-Anhänger tragen und über körperliche Selbstbestimmung sprechen, schließen mich aber aus ihren FLINTA* Räumen aus, wenn ich oder mein Körper nicht in deren (cisnormatives) Bild einer Frau passen. – „Das ist ein FLINTA* space , du darfst da nicht rein“.
Unsichtbar und Exponiert
Als trans Femme bewege ich mich ständig auf einer Gradwanderung: Soll ich mich cisnormativen Vorstellungen von Weiblichkeit anpassen? Habe ich ein „gutes“ Passing? Laufe ich von Ärzt*in zu Ärzt*in, um Hormone zu bekommen, mich operieren zu lassen und ins Bild zu passen? Jede dieser Entscheidungen ist eigentlich persönlich – doch cis Personen nehmen sich heraus, meinen Körper zu bewerten, mich mit intimen Fragen zu überfallen und mir sogar übergriffig zu begegnen. Diese Ignoranz reicht bis in die Politik, wo über unsere Körper wie über öffentliche Objekte debattiert wird. Das Private ist politisch – gerade, wenn es nicht in die Norm passt.
Doch egal, wie ich entscheide, ich stoße auf ein Dilemma: Passe ich ins Bild der guten trans Person, die cisnormative Erwartungen erfüllt, werde ich unsichtbar. Entschließe ich mich hingegen, einfach ich selbst zu sein, laut und unbequem, werde ich sofort zur bösen Transe (bewusste Übertreibung) – Feindbild konservativer Parteien, Albtraum transausschließender „Feminist*innen“, der Schrecken für die vermeintlich nette Omi von nebenan. Passing bietet zwar Sicherheit durch Unsichtbarkeit, doch Unsichtbarkeit bedeutet auch, nicht mitgedacht zu werden. Sichtbarer Widerstand gegen Normen wird als Bedrohung empfunden. Sichtbarkeit ist damit wie ein Riss in der cisnormativen Fassade. Und Unsichtbarkeit Systemerhalten. Es verdeckt wichtige Themen wie: nonbinary erasure in Statistiken, Pathologisierung nicht normativer Körper, hohe Arbeitslosigkeit in der trans community, Diskriminierung am Wohnungsmarkt, hohe Wohnungslosenrate (vor allem verdeckte Wohnungslosigkeit), binäre Notschlafstellen, binäre Krankenbetten, Gefährdung in Gefängnissen, Transizide…
Schlechte Feministin*
Im Alltag bedeutet die Gratwanderung zwischen Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit für mich: Kein Tag vergeht, an dem ich nicht um mein Existenzrecht kämpfen muss. Ständig werde ich daran erinnert, dass ich in euren Augen „anders“ bin. Ich gelte als schlechte Feministin, wenn ich mich weigere, eure cisnormativen Feminismen anzunehmen. Ihr seid verletzt, wenn ich euch korrigiere – und erwartet gleichzeitig, dass ich euch geduldig aufkläre. Nichts, was ich tue, scheint euch recht zu sein. Ihr glaubt, über uns sprechen zu können, aber wenn wir für uns selbst sprechen, hört ihr nicht zu. So manifestiert sich Cisnormativität auch in einem ignoranten Feminismus. Ein Feminismus, der sich intersektional nennt, es aber kaum ist. Noch immer wird „16 Tage gegen patriarchale Gewalt“ missverstanden als ein Kampf der cis Frau gegen den cis Mann. Doch patriarchale Gewalt ist vielfältiger – und betrifft trans Personen sowie Menschen mit weiteren Marginalisierungen auf spezifische Weise.
Ich kenne die anderen Beiträge hier noch nicht. Aber ich bin gespannt:
Wie viele Texte bedienen sich differentialfeministischer Narrative?
Wie viele Texte werden über trans Personen sprechen, sie miteinbeziehen – ohne ihre Perspektiven wirklich zu verstehen?
Puh, dieser Text ist voller Emotionen. Grantig. Laut
Vielleicht für manche unangenehm.
Aber bin ich jetzt eine schlechte Feministin*? Eine schlechte trans Femme?

