„Ja“ oder nur kein „Nein“ – die österreichische Lösung

Die Erlebnisse der Schulzeit prägen einen Menschen
das ganze Leben lang. Auch im Sexualkundeunterricht
vermittelte Werte und Praktiken bleiben in den Köpfen
der Schüler_innen verankert. Wieso kümmert es also
erst seit den Teenstar-Leaks jemanden, mit welchen
Folgen Jugendliche nach unzureichender Aufklärung
zu kämpfen haben?
Im November 2018 veröffentlichte die Wochenzeitung der Falter die Teenstar-Leaks. Der fundamentalchristliche Sexualpädagogik-Verein deklarierte unter
anderem Homosexualität als heilbar und Masturbation
zur Sünde. Nach großem medialem Aufschrei verbannte Bildungsminister Faßmann unter Kurz I Teenstar
aus den Schulen Österreichs. Kurz II verkündet im Regierungsprogramm nun, einen Fokus auf „geschlechtersensible Mädchen- und Burschenarbeit“ zu legen.
Mit dem Ziel „Kinder und Jugendliche aus patriarchalen Milieus zu stärken und ihre Selbstbestimmung zu
fördern“. Soweit, so gut. Einen konkreten Plan, wie
mittels Akkreditierungsverfahren „weltanschaulich
neutraler und wissenschaftsbasierter“ Unterricht gewährleistet werden kann, gibt es nicht.

Ehe für alle? „Gute Sexualerziehung sollte
jungen Menschen helfen, den Wunsch nach Liebe, Ehe
und Familie im eigenen Leben umzusetzen“, lautet
die Vision der Website sexualerziehung.at, welche
Lernmaterialien bereitstellt und ein Partner von Teenstar zu sein scheint. Die dreiste Vermittlung dessen,
dass die heterosexuelle Ehe das Hauptziel einer jeden
Person sein muss, drängt gleichgeschlechtliche Paare
aus der gesellschaftlichen Norm. Dies wiederum vermittelt Kindern erstmals, alles außer Heterosexualität
sei abnormal. „Die Ansicht, dass Homosexualität eine
Identitätsstörung ist, die geheilt werden kann, war
schon in den 1990er-Jahren veraltet“, sagt Paul Haller,
Geschäftsführer der Hosi (Homosexuelle Initiative)
Salzburg. Wie realitätsnah kann ein cis Mann über
hormonelle Veränderung und Gefühlslage während
einer Geburt berichten? Und wie authentisch kann
eine streng konservative und religiöse Person in einer
heterosexuell-monogamen Beziehung über LGBTQIA+
erzählen? Richtig: Gar nicht. Dementsprechend sinnvoll wäre es, LGBTQIA+ Personen selbst über verschiedene Sexualitäten sprechen zu lassen, um queeren
Schüler_innen Wissen und ein Gefühl der Akzeptanz
zu vermitteln.

„Ja“ oder nur kein „Nein“ – die österreichische Lösung Was ich im Sexualkundeunterricht – den ich im Übrigen nie hatte – gerne
vermittelt bekommen hätte? Was sexueller Konsens
ist und wie man Konsens früher umsetzt, als mit
Anfang 20 inmitten der ersten depressiven Lebenskrise, und wie ich das eingetrichterte höflich und brav
sein im Alltag von meinem Sexleben trennen kann.
Digitale Abhilfe in diesen Fragen bringt die Instagram-Blase von Stanić, Berger und Kompanie. Die
Vice-Chefreporterin Alexandra Stanić veröffentlichte
in der ersten Jännerwoche einen Artikel mit dem
Titel „Heimlich das Kondom abgezogen: Betroffene
erzählen von Stealthing“. Christian Berger, Sprecher
vom Frauenvolksbegehren, schaffte basierend auf
ebendiesem Sammelwerk an Erlebnissen eine vorübergehende Plattform für Betroffene und veröffentlichte weitere Geschichten seiner Follower_innen. Mit
diesen Arbeiten schaffen Journalist_innen ein Stück
weit Bewusstsein, doch ein Gesetz, das sexuelles
Einverständnis beinhaltet, bleibt vorerst trotzdem
aus. In Österreich, Deutschland und der Schweiz gibt
es im Strafgesetzbuch keinen Paragrafen, der einen
Tatbestand nach ursprünglich einvernehmlichem Sex
behandelt. Allerdings gibt es bereits rechtskräftige
Fälle, in denen die Täter_innen der Schändung bezichtigt wurden. Über Umwege und mit viel Beharrlichkeit und Mut besteht für Betroffene die Chance,
einen Prozess zu gewinnen. Diese Umwege gehören
schleunigst gekürzt. Die Devise in Schweden lautet
bereits: „Nur Ja heißt Ja!“.

„Niemand kann eine Vulva beschreiben“
„Es herrscht Vulvenaufklärungsbedarf“, titelt der Falter
das Interview mit Schauspielerin und Autorin Grischka
Voss. Diese erläutert weiters: „Jedes Kind weiß, wie ein
Penis aussieht, aber niemand kann eine Vulva genau
beschreiben“, und damit hat sie erschreckenderweise
mehr als Recht. Auch Parlamentsabgeordnete Stephanie
Cox sah es als ihre Pflicht ihren Mitabgeordneten den
Teil der Klitoris zu erläutern, welcher von außen nicht
sichtbar ist, allerdings 95% des Organs ausmacht und
sich in der Vagina befindet. Die Reaktion der männlichen Abgeordneten bestätigte Unwissen und Scham.
Eine umfassende Aufklärung der Männer über die weibliche Anatomie würde Situationen wie zum Beispiel die
gemeinsame Entscheidung über die Einnahme der Pille
(danach) oder die Verwendung eines Präservativs vereinfachen. Dieses Unwissen rührt aus Situationen wie
sie zum Beispiel die Studentin Theresa in der Schule
erlebt hat: „Bei uns wurden die Burschen zum Fußball
spielen rausgeschickt und die Mädchen im kleinen Kreis
aufgeklärt, das hatte dann eher den Charakter einer
Bestrafung“. Denn genauso wenig wie alle cis Männer
wissen, wo und wie sie die Klitoris stimulieren können,
wissen alle, was der Eisprung ist, geschweige denn
bewirkt. Für unser aller Wohl sollten wir beide Fragen
dringend klären.

Die Aufklärung ganzer Schulklassen von der Expertise
einer einzigen Lehrkraft und Lerneinheit abhängig zu
machen ist zu alledem äußerst risikoreich, also warum
nicht ein weiteres Thema aus der Tabu-Kiste locken
und öfter über unsere Sexualität sprechen?


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