Einmal Palästina und wieder zurück

  • 10.11.2013, 12:03

Karl Pfeifer (*1928) hat mit seiner Autobiographie „Einmal Palästina und zurück. Ein jüdischer Lebensweg“ einen wichtigen Beitrag zur Geschichte des Zionismus und des jungen Staates Israel geleistet. In seinem Buch thematisiert er auch das unrühmliche Verhalten der Alliierten gegenüber den jüdischen Flüchtlingen sowie den Antisemitismus in Österreich, Ungarn und von arabischer Seite.

Karl Pfeifer (*1928) hat mit seiner Autobiographie „Einmal Palästina und zurück. Ein jüdischer Lebensweg“ einen wichtigen Beitrag zur Geschichte des Zionismus und des jungen Staates Israel geleistet. In seinem Buch thematisiert er auch das unrühmliche Verhalten der Alliierten gegenüber den jüdischen Flüchtlingen sowie den Antisemitismus in Österreich, Ungarn und von arabischer Seite.

Der Journalist Karl Pfeifer beschäftigt sich bis heute mit der Problematik des Antisemitismus und Rechtsradikalismus abseits jeglicher Parteienpolitik. 2003 erhielt Karl Pfeifer für sein Engagement und seine Zivilcourage die Ernst-Bloch Medaille der Aktion gegen den Antisemitismus in Österreich. Fünf Jahre später feierte der Film „Zwischen allen Stühlen – Lebenswege des Journalisten Karl Pfeifer“ Premiere. In dieser von den  WissenschaftlerInnen Mary Kreutzer, Ingo Lauggas, Thomas Schmidinger und Maria Pohn-Weidinger produzierten No-Budget Doku, konnten die ZuseherInnen erstmals einen Einblick in die spannende und berührende Lebensgeschichte Karl Pfeifers gewinnen. In diesem Frühjahr hat Karl Pfeifer seine Autobiographie bis zum Jahre 1951 in der Edition Steinbauer veröffentlicht.

Die Geschichte seiner Jugend war von Antisemitismus, nationalsozialistischer Verfolgung und der Flucht aus Europa – aber auch mit dem Idealismus der sozialistisch-zionistischen Bewegung verbunden. Bis zum Ende des Buches gelingt es Karl Pfeifer seine LeserInnen zu fesseln und die Geschichte sowie die Atmosphäre der damaligen Zeit lebendig werden zu lassen. Außerdem besticht das Buch durch dessen klare Sprache und ist somit auch für jüngere LeserInnen, die sich erstmals mit der Thematik beschäftigen, sehr gut geeignet. Historische Tatsachen – wie beispielsweise das unrühmliche Verhalten der Briten gegenüber der jüdischen Bevölkerung im damaligen Mandatsgebiet Palästina sowie das Verhalten der arabischen Politiker im Zuge des UN-Teilungsplans – werden von Pfeifer mit Quellen belegt. Diese fügt er mit enormer Sorgfalt und großem Feingefühl ein, so dass kein stilistischer Bruch mit seiner Lebensgeschichte entsteht.

BADEN BEI WIEN. Pfeifers Autobiographie hat zwölf Kapitel. Das erste handelt von seiner wohlbehüteten Kindheit in seiner bürgerlichen ungarisch stämmigen jüdischen Familie in Baden sowie den Antisemitismus vor dem sogenannten Anschluss Österreichs ans nationalsozialistische Deutschland. Bereits vor dem Jahr 1938 lebten die Pfeifers in Baden isoliert und hatten nur jüdische FreundInnen. Karl Pfeifer hält fest, dass auch er in Baden nur jüdische SpielkameradInnen hatte, denn die nichtjüdischen NachbarInnen hatten ihren Kindern verboten mit ihm zu spielen. Und auch in der Schule erlebte Karl Pfeifer den Antisemitismus seiner Mitschüler, die ihn als „Gottesmörder“ nach dem katholischen Unterricht beschimpften. Diese Schilderungen verdeutlichen den katholischen Antijudaismus und Antisemitismus, die in Österreich bereits vor dem Jahr 1938 existierten.

Nach der Machtübernahme Hitlers 1933 dachten Karl Pfeifers Eltern, dass es im „gemütlichen Österreich“ so etwas nicht geben könnte. Eine tragische Fehleinschätzung der Situation, die Pfeifers Eltern mit vielen österreichischen Juden und Jüdinnen teilten. Denn das Jahr 1938 stellte auch für die Familie Pfeifer eine Zäsur in deren Leben dar. Karl Pfeifer beschreibt die Übergriffe und Erniedrigungen gegenüber den Juden in Baden und seine furchtbare Angst vor der nationalsozialistischen Massenhysterie, die er sich als Neunjähriger nicht erklären konnte. Besonders berührend ist der abgedruckte Schriftverkehr zwischen Karl Pfeifers fünfzehn Jahre älterem Bruder Erwin, der bereits 1935 nach Israel gelangte, und seinem Vater. Einen Monat nach dem Anschluss Österreichs schreibt dieser an seinen Sohn, dass die Familie ungemein große Angst habe und dass der Allmächtige alles zum Besseren wenden würde.

Karl Pfeifer. Foto: Johannes Zinner
UNGARN. Im Juli 1938 gelang es Pfeifers Eltern ungarische Pässe zu erhalten und nach Ungarn auszuwandern. Sein Leben in Ungarn beschreibt er in den beiden Kapiteln „Erste Erfahrungen in Ungarn“ und „Schwierige Jugendjahre in Budapest“. Denn auch in Budapest wurde er mit Antisemitismus und Ablehnung konfrontiert. Als er in Budapest beim Tragen seiner Schuluniform von Ungarn antisemitisch beschimpft wurde, beschloss er fortan auch kein Ungar sein zu wollen. Karl Pfeifer erläutert in seinem Buch auch die drei von 1938 bis 1941 in Ungarn erlassenen „Judengesetze“, die Juden in Ungarn diskriminierten und letztendlich sogar den sexuellen Verkehr zwischen Juden und Nichtjuden als sogenannte „Rassenschande“ ahndeten. Ebenso thematisiert er die Deportationen ungarischer Juden unter Miklós Horty, die oftmals in historischen und aktuellen Darstellungen zur Problematik der ungarischen Rechten ausgeklammert werden. In Budapest fand Karl Pfeifer über einen Klassenkollegen aber auch seine politische Heimat in der zionistisch-sozialistischen Jugendbewegung Schomer Hazair.

Als seine Mutter 1940 an Leberkrebs gestorben war und sein Vater sich beruflich oft außerhalb Budapest aufhielt, wurde die zionistische Jugendgruppe zu seiner Ersatzfamilie. Mit drei Mitgliedern seiner Schomergruppe und zwei jüdischen Mädchen aus der Slowakei verließ er – mit einem auf einen anderen Namen ausgestellten Reisepass – am 5. Jänner 1943 Budapest mit dem Ziel ins damalige Palästina auszuwandern. Seinen Vater hat er damals  zum letzten Mal in seinem Leben gesehen. Die abenteuerliche Reise durch Rumänien, Bulgarien und die Türkei sowie die darauffolgende Einreise über Beirut nach Haifa beschreibt er im Kapitel „Januar 1943 – Abschied von Europa“. Pfeifer erklärt, dass sie sich damals der großen Gefahr aufgrund ihrer Jugend nicht bewusst waren. In Bulgarien wurde die Gruppe von österreichischen Gestapo-Männern durchsucht, die ihnen euphemistisch erklärten, dass sie auch in Polen Landwirtschaft lernen könnten und sie die Gruppe gerne kostenlos nach Polen befördern könnten. Eine lebensbedrohliche Situation, die die Gruppe dank des Vorzeigens einer Visitenkarte des bulgarischen Ministers und der genehmigten Ausreise seitens der bulgarischen Offiziere überlebte.

PALÄSTINA. Den Schwerpunkt der Autobiographie bilden die sieben Kapitel über Karl Pfeifers Jugendjahre im damaligen britischen Mandat Palästina sowie im jungen Staat Israel. Der Leser erfährt von den damaligen Lebensbedingungen in Erez Israel und den  gesellschaftlichen Strukturen der jüdischen und arabischen BewohnerInnen des britischen Mandatsgebiets. Karl Pfeifer erläutert auch anhand einer Tabelle das starke Wachstum der arabischen Bevölkerung, die von der verbesserten medizinischen Versorgung profitierte. Eine Thematik, die in den meisten Büchern über den israelisch-palästinensischen Konflikt ausgespart wird. Ebenso thematisiert er anhand von historischen Quellen die menschenverachtende Einwanderungspolitik und das unrühmliche Verhalten der Briten gegenüber der jüdischen Bevölkerung in Palästina - dem  Jischuv. Die Schilderungen des Lebens der jungen Schomer, mit denen Karl Pfeifer gemeinsam in zwei Kibbuzim lebte,  verdeutlichen den sozialistischen und basisdemokratischen Charakter des Landwirtschaftskollektivs. Doch der junge Karl Pfeifer merkte bald, dass die Lebensrealität im Kibbuz - neben dem kollektiven basisdemokratischen Leben – von harter landwirtschaftlicher Arbeit geprägt war. Die Ideologie des sozialistischen Zionismus war für ihn und seine Freunde zu diesem Zeitpunkt überaus wichtig, um das Leben ohne ihre Familien zu bewältigen. Die LeserInnen machen in Karl Pfeifers Biographie auch Bekanntschaft mit seinen Freunden.

In der Jugendgruppe Noar Gimel lernte er seinen Freund Dan kennen, der aus dem kroatischen Vernichtungslager Jasenovac geflohen war, in dem er sich an die Achse eines Zuges, der zurück nach Zagreb ging, klammerte. Bis heute betrachtet Karl Pfeifer die Mitglieder der Jugendgruppe als seine Geschwister. Die Heterogenität der damaligen zionistischen Bewegung wird auch in der Familiengeschichte Karl Pfeifers sichtbar. Denn im Gegensatz zu dem sozialistisch-zionistischen Weltbild Karl Pfeifers, schloss sich sein Bruder Erwin den revisionistischen Zionisten an. Seinen älteren Bruder konnte Karl Pfeifer nur sehr selten sehen. Als die deutsche Wehrmacht 1944 in Ungarn einmarschierte, packte ihn und die ungarischen Mitglieder der Jugendgruppe ein irrationales Schuldgefühl, da sie das Land verlassen hatten. Ein Gefühl, das viele Überlebende der Shoah bis heute haben und das sich in der Frage „Warum habe ausgerechnet ich überlebt?“ manifestiert. Besonders berührend sind jene Gefühle, die Karl Pfeifer am 8. Mai 1945, dem Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus, hatte. Denn von seiner großen Familie waren nur noch wenige am Leben geblieben. Pfeifer widerspricht auch dem heute verbreiteten Gerücht, dass der damalige Jischuv gegenüber dem Leid der Shoah-Überlebenden gleichgültig gewesen wäre. Ebenso thematisiert er die Problematik der 200.000 jüdischen Displaced Persons in Europa, die von den Briten nicht ins Land gelassen wurden.

HAGANA UND PALMACH. Ab 1944 kämpfte Karl Pfeifer in der Hagana sowie später während des Israelischen Unabhängigkeitskrieges im Palmach. Karl Pfeifer widerlegt auch Geschichtsmythen wie die „Vertreibung der Palästinenser“, die von ihm anhand von Quellen als Flucht dargestellt wird und erläutert anhand von Quellen die Weigerung der arabischen Länder Israel als Staat nach dem UN-Teilungsplan anzuerkennen. Die Erzählungen über seine Erlebnisse als jüdischer Siedlungspolizist verdeutlichen die Bedrohung des jungen israelischen Staates durch die unnachgiebige Kriegspolitik der arabischen Länder. Während des Bürgerkriegs muss er den Tod vieler junger israelischer Soldaten miterleben. Er berichtet auch von den ehemaligen bosnischen SS-Leuten und anderen Freischärlern, die auf der Seite der arabischen Länder und Palästinenser gegen sie kämpften. In seinem letzten Kapitel  „Nach dem Krieg und Rückkehr nach Europa“ erzählt Karl Pfeifer von seiner Armut und seinen Problemen nach dem Unabhängigkeitskrieg in Israel, die ihn zu einer Rückkehr nach Europa bewogen hatten.

FAZIT. Karl Pfeifers Autobiographie ist eine Pflichtlektüre für alle, die sich für die Geschichte des Antisemitismus und das jüdische Leben im damaligen britischen Mandatsgebiet Palästina  interessieren. Durch die authentische Schilderung und klare Sprache des Autors kann das Buch auch von engagierten LehrerInnern und JugendbetreuerInnen im Unterricht eingesetzt werden.

 

Karl Pfeifer: Einmal Palästina und zurück. Ein jüdischer Lebensweg.

Wien: Edition Steinbauer 2013.
176 Seiten, 17 Abbildungen, Euro 22,50
ISBN 978-3-902494-62-7

Dokumentarfilm: Zwischen allen Stühlen – Lebenswege des Journalisten Karl Pfeifer

Regie und Produktion: Mary Kreutzer, Ingo Lauggas, Maria Pohn-Weidinger und Thomas Schmidinger. Schnitt: D. Binder
A, H, IL 2008 (87 min., Deutsch mit englischen Untertiteln)
87 min, Screening Format: DVD und BETA SP

Euro 15,-- + 2 Euro Versand/innerhalb Österreichs. Bestellungen unter: http://film.antisemitismusforschung.net/dvd

Der Film kann gegen 300 € im Rahmen von Veranstaltungen öffentlich gezeigt werden.

 

progress-online Schwerpunkt: Im Gedenken an das Novemberpogrom 1938

"Was passiert, wenn wir vergessen uns zu erinnern?"

Gedenken und Gegenwart

progress-online Schwerpunkt zum Holocaustgedenktag:

Karl Pfeifer: Lebenslanges Engagement gegen Antisemitismus
 

 

 

AutorInnen: Claudia Aurednik